Die Ernte teilen - mehr als eine Gemüsekiste

Die Kompetenz der städtischen VerbraucherInnen in Ernährungsfragen ist auch in Thüringen im Wandel begriffen. Gefordert wird eine Verantwortung zur Mitgestaltung des Ernährungssystems, das die industrielle Produktions- und Vertriebskette nicht bieten kann. In direkter Zusammenarbeit mit den ErzeugerInnen können die AbnehmerInnen die Rahmenbedingungen weitaus stärker nach ihren Vorstellungen mitgestalten, als es über den passiven Konsum möglich ist.

Für uns gibt es zwei spezifische Anknüpfungspunkte in der Region Erfurt. Die professionelle stadtnahe Landwirtschaft, die schon immer hier betrieben wurde und neue Formen der städtischen Landbewirtschaftung, zur besseren Unterscheidung als 'Urban Gardening' bezeichnet. Letztere ist eine neue Form der Nutzung von Land in Ballungsräumen, überwiegend in Nutzgärten für den Eigenbedarf. Diese aufkeimende Entwicklung eröffnet neue Perspektiven auf die lokale Lebensmittelproduktion, die städtische Raumplanung und die sozialen Verbindungen innerhalb der Stadt.

Prinzessinnengarten
Urban Gardening 3.0 im Prinzessinnengarten Berlin

Um verschieden Formen 'urbaner Landwirtschaft' besser unterscheiden zu können hilft die Differenzierung nach Lohrberg, der diesen Begriff in Deutschland eingeführt hat. Für den Landschaftsarchitekten Frank Lohrberg gehört urbane Landwirtschaft schon immer zur Stadt, da die meisten Lebensmittel für die Stadtbewohner bis ins 20. Jahrhundert mangels Transport- und Kühlmöglichkeiten im Umfeld der Städte erzeugt wurden.

  • Die Landbewirtschaftung im Maßstab des (Selbstversorger-) Gartens nennt er urbanes Gärtnern (Urban Gardening) in Anlehnung an Christa Müller, die diese Form des Gärtnerns erstmals ausführlich beschreibt.
  • Acker- und Gemüsebau im kommerziellen Maßstab, zu dem auch die Viehhaltung zählt, heißt urbane Landwirtschaft (Urban Farming).
  • Als Oberbegriff für beide Formen verwendet Lohrberg 'urbane Agrikultur' (Urban Agriculture).
  • Urbane Landwirtschaft als nachhaltige Infrastruktur

    "Das große Potential urbanen Agrarlandes wurde bislang weitgehend übersehen, sowohl von Seiten der Stadt als auch von Seiten der Landwirtschaft: In den Randzonen der wachsenden Stadt dienen Äcker und Grünland als Baulandreserven, die Spekulation verhindert langfristige Konzepte. Die Landwirtschaft selbst konzentriert sich in ihrem Selbstbild auf den ländlichen Raum mit dessen großen Produktionsvolumen. Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz fasst 'Landwirtschaft' wie der Deutsche Bauernverband in eine Kategorie mit 'Ländliche Räume'. Auch die Europäische Union, die ja zunehmend Agrarsubventionen in Strukturfördermittel umwidmet, übersieht die urbane Landwirtschaft und arbeitet ohne eine eigene Förderkulisse für urbane Landwirtschaft. Die EU vernachlässigt dabei, dass die eigentliche Kontaktzone zwischen der überwiegend in Städten lebenden EU-Bevölkerung und der Landwirtschaft am Stadtrand verläuft. Hier wird das Bild von der Landwirtschaft geprägt, hier besteht die große Chance zukunftsfähige Landwirtschaftsformen aufzubauen."
    (Zitiert aus F. Lohrberg: Wiederkehr der Landschaft - Berlin 2010)

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